
Rosenheim, 21.10.2025: Gut anderthalb Jahre nach dem letzten Vortragsabend zur Windenergie hat die Initiative „Rosenheimer Energiedialoge” erneut zu einer Veranstaltung zu diesem zentralen Baustein der Energiewende eingeladen. Ob vor Ort an der Technischen Hochschule Rosenheim oder im Livestream: Die vier Fachvorträge machten deutlich, dass sich in diesem Themenfeld und in der Region spürbar etwas bewegt.
Dies sei dringend nötig, betont Lisa Niedermaier, Leiterin der Beratung Windenergie bei der Energieagentur Ebersberg-München. Die klimabedingte Erderwärmung müsse unter zwei Grad gehalten werden. Gerade die Windenergie spiele dabei eine zentrale Rolle, unter anderem wegen ihres verlässlichen Beitrags zur Stromversorgung im Winter, ihrer hohen Flächeneffizienz und ihrer vergleichsweise geringen Gestehungskosten.
Der Regionale Planungsverband Region 18 ist für die Ausweisung von Vorranggebieten für die Windenergie zuständig. Wie andere Verbände auch, strebt er an, das gesetzlich vorgeschriebene Ziel von 1,8 % der Regionsfläche bis 2032 bereits im ersten Planungsschritt – also bis 2026 – zu erfüllen. In der ersten Auslegung im April 2025 wurden 144 Vorranggebiete mit insgesamt 1,9 % der Gesamtfläche vorgeschlagen, darunter 38 im Landkreis Rosenheim. Die Auswahl erfolgte in mehreren Stufen: Zunächst wurden Tabukriterien wie Natur- und Landschaftsschutz geprüft, anschließend Faktoren wie die Windhöffigkeit bewertet. Aus dem verbleibenden Suchraum entstand ein Gesamtkonzept, das als Planungsgrundlage dient. Ob in einem Gebiet tatsächlich gebaut wird, entscheiden jedoch die Grundstückseigentümer. Ein reguläres Baugenehmigungsverfahren bleibt weiterhin erforderlich.
Georg Persigehl, Geschäftsführer bei reencon GmbH in Stephanskirchen, hob weitere Vorteile der Windkraft hervor: Ein modernes Windrad kann ausreichend Strom für eine Gemeinde mit 12.000 Einwohnern erzeugen und leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zur regionalen Wertschöpfung.
Mit Blick auf die Technik erläuterte er, dass die Unternehmen Enercon, Vestas, Nordex und Siemens Gamesa den deutschen Markt dominieren, während chinesische Hersteller zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Anlagen selbst werden immer größer: Aktuelle Modelle erreichen Nabenhöhen von bis zu 200 m und Rotordurchmesser von bis zu 175 m. Diese Dimensionen steigern nicht nur die Energieausbeute, sondern sorgen im Vergleich zu kleineren Anlagen auch für ein ruhigeres Landschaftsbild und geringere Schallemissionen am Boden. Aufgrund ihrer hohen Leistung müssen Windparks heute häufig an das 110-kV-Netz angebunden werden.
Zum Thema Bürgerbeteiligung erläuterte der Referent, dass die Energiewende in Deutschland maßgeblich von Privatpersonen getragen wurde. Es gebe zahlreiche Beteiligungsmodelle, die sowohl Teilhabe ermöglichen als auch die Akzeptanz von Windenergieprojekten stärken. Ein Beispiel lieferte ein Projekt von reencon in Baden-Württemberg, an dem sich 300 private Investoren aus der Region beteiligten. Die anvisierte Rendite von 6 % wurde dort mit 10 % deutlich übertroffen.
Florian Lechner, Geschäftsführer bei der Bürgerwind Riedholz GmbH & Co. KG, berichtete aus erster Hand über das erste große Windkraftprojekt im Landkreis Rosenheim das in der Gemeinde Feldkirchen-Westerham realisiert wurde. Zu den zentralen Meilensteinen zählten die ersten Gespräche des Initiators Sepp Forstner mit Anliegern Ende 2019, wichtige Gutachten wie die spezielle artenschutzrechtliche Prüfungen im Jahr 2022, die Gründung der Betreibergesellschaft ebenfalls 2022, die spannende Teilnahme an der Ausschreibung 2023 sowie der aufwendige Transport und Aufbau der Anlagen im Jahr 2024. Im Jahr 2025 ging die Windkraftanlage schließlich in Betrieb.
Die Anlage verfügt über eine Nabenhöhe von 166 m , einen Rotordurchmesser von 160 m, eine Nennleistung von 5,56 MW und erzeugt Strom für rund 3.500 Haushalte. Der Ertragsverlust aufgrund von Abschaltungen zum Schutz vor Fledermäusen und Vögeln sowie zur Vermeidung von Schattenwurf blieb im einstelligen Prozentbereich. Florian Lechner zog ein positives Fazit: Er sei froh und dankbar, an einem derart gelungenen Projekt mitgewirkt zu haben.
Im letzten Vortrag berichtete das „Windkraft-Urgestein“ Hans Zäuner zunächst von den Verzögerungen beim Bau der ersten Windkraftanlage im Landkreis Ebersberg, Standort Bruck. Nach der Planeinreichung Ende 2011 führten Einwände von Naturschutzbehörden und einer Bürgerinitiative sowie Klagen gegen die Genehmigung dazu, dass die Anlage erst Ende 2016 fertiggestellt werden konnte. Eine Vergrößerung des vergleichsweise kleinen Rotordurchmessers von 82 m wäre damals sinnvoll gewesen, hätte jedoch einen vollständigen Neustart des Genehmigungsverfahrens erfordert.
Seitdem sind Hans Zäuner und sein Partner Werner Stiglauer als Entwickler, Errichter und Betreiber von Windkraftanlagen in der Region aktiv. Im Jahr 2025 nahmen sie in der Nachbargemeinde Moosach eine Anlage mit 166 m Nabenhöhe, 138 m Rotordurchmesser und einer Nennleistung von 4,26 MW in Betrieb. Größere Anlagen mit einem Rotordurchmesser von 175 m befinden sich bereits in Planung – ein Wachstum, das auch zu einer Erweiterung des Unternehmens geführt hat. Auch für Hans Zäuner spielt die Bürgerbeteiligung eine zentrale Rolle. Als geeignete Rechtsform empfiehlt er die GmbH & Co. KG, bei der die Kommanditisten – darunter Bürger und Gemeinden – ausschließlich mit ihrer Einlage haften.
